Müssen sich Geschwister ähnlich sehen? Carlton und das verspannte Regal

Carola Horster-mit-verspannten-Regal-Wolfgang Laubersheimer

Carola Horster mit dem `verspannten´ Regal von Wolfgang Laubersheimer (1984) im MAKK (Fotos: Kirsten Reinhardt).

von Carola Horster

Es sind zwei ungleiche Brüder, die sich im Obergeschoss der Design-Abteilung gegenüber stehen: Einmal das breite, schrille und bunte Regal Carlton und das schmalbrüstige, hohe, metallisch-graue, auf das Minimum an Material reduzierte „verspannte“ Regal. Schon die Namen sind vielsagend: Carlton klingt nach Luxus, Verschwendung, vielleicht auch nach Leichtsinn im Spielcasino. Verspanntes Regal bezieht sich sachlich auf die Technik, mit der dieses fragile Objekt standfest gemacht wird, bedeutet aber leider auch das Gegenteil von entspannt. Kann man also den Schluss ziehen, dass Carlton für italienische Lebenslust und das verspannte Regal für deutsche Nüchternheit stehen? Ganz so einfach ist es nicht, denn tatsächlich sind beide Regale in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts der gleichen Unzufriedenheit mit der damals aktuellen Design-Landschaft entsprungen (deswegen Brüder!).

Gruppe Memphis: Ettore Sottsass hat 1980 eine Gruppe junger Entwerfer um sich geschart und …

Gruppe Memphis: Ettore Sottsass hat 1980 eine Gruppe junger Entwerfer um sich geschart und mit ihnen die Gruppe Memphis gegründet. Deren erklärtes Ziel war es, eine „geschmacklose“, wilde, emotionale Alternative zum glatten, schicken, leicht konsumierbaren Industriedesign der Zeit zu entwickeln. Die ersten Produkte von Memphis hatten 1981 auf der Mailänder Möbelmesse Premiere und sofort einen sensationellen Erfolg! Sie trafen einen Nerv! Allerdings waren nicht alle Fachleute begeistert: der damals noch sehr junge Jasper Morrison, bald darauf ein wichtiger Vertreter des minimalistischen Designs, brachte sein Unverständnis zum Ausdruck. Auch die nüchternen Deutschen konnten mit dem bunten Fünfziger Jahre-Retro-Look nicht wirklich etwas anfangen, zumal die sachliche Ulmer Schule gerade erst ein wenig frischen Wind in die deutsche Design-Szene gebracht hatte.

Aber ein paar junge deutsche Designer nahmen die Ideen von Sottsass auf und fanden ihre eigene Antwort: Entwürfe von radikaler Rohheit, die den Herstellungsprozess der Produkte zeigten. Wenig bearbeitete Materialien, häufig industrielle Werkstoffe wie Gerüststahl und stark technisch geprägte Produkte verlangten dem Benutzer mindestens so viel Kunstsinn und Bereitschaft zu ästhetischer Toleranz ab wie die bunten Memphis-Produkte. Das verspannte Regal, von Wolfgang Laubersheimer 1984 entworfen, ist wie Carlton zu einer Ikone geworden. Die beiden ungleichen Brüder stehen für die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Anforderungen, die von der Industrie an Designer gestellt wurden. Deshalb sind sie heute im MAKK zu finden. Was Gruppen wie Memphis oder Pentagon für die zukünftige Entwicklung des Designs bewirkt haben, kann man dort ebenfalls erleben.

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