Brigitte-Bardot-Künstlerstühle von Siegfried Michail Syniuga

Siegfried Michail Syniuga, Brigitte Bardot-Künstlerstühle, Düsseldorf, 1989 *

// von Dr. Romana Rebbelmund, Kuratorin

Für den spektakulären Neuzugang konnte direkt ein wunderbarer Platz in der Design-Ausstellung des MAKK gefunden werden. Das Paar „Brigitte-Bardot-Künstlerstühle“ (1989) von Siegfried Michail Syniuga (*1951) begrüßt als als echter Hingucker die Besucher des 1980er Jahre Kabinetts. Die Schöne und das Rohe! Syniuga fasste das gedoppelte und gespiegelte Bild von Brigitte-Bardot in jeweils einen ß-förmigen Rahmen – den man natürlich auch als doppeltes B auffassen kann –, der die Rückenlehnen von zwei Stühlen aus rohem, in Form gebogenem Stahl bildet. Der Kontrast des Fotos des damaligen Sex-Symbols zum verwendeten Material könnte kaum größer sein!

Ende letzten Jahres konnte mit Mitteln des Ankaufsetats der Stadt Köln eine weitere wunderbare Ergänzung für die Design-Sammlung erworben werden. Es handelt sich um eine mehrfach glückliche Fügung – zum einen, weil zu dem Zeitpunkt kurz vor Jahresende tatsächlich noch ein weiterer Ankauf nach dem Fornasetti Schreibsekretär für das MAKK möglich gemacht wurde, zum anderen, weil die Objekte des Begehrens, zwei „Künstlerstühle“ aus dem Jahr 1989 des deutschen Designers, Künstlers und Musikers Siegfried Michail Syniuga (*1951), hervorragend zu einem besonderen Aspekt in der neu eingerichteten Dauerausstellung „Kunst + Design im Dialog“ passen: Im Kabinett der 1980er Jahre konnte der Sammlungsschwerpunkt Neues Deutsches Design mit Objekten der Gruppen Kunstflug (gegr. 1980) und Pentagon (gegr. 1985) sowie von einzelnen Designern wie Hermann Becker (*1956), Christoph R. Siebrasse (*1944) und Stiletto (*1959) in Kombination mit international agierenden Größen wie Ron Arad (*1951) und Jasper Morrison (*1959) erstmalig in dieser Breite präsentiert werden. Hinzu kam die damals kurz vor Eröffnung im Januar 2020 stehende Ausstellung „Design Gruppe Pentagon“ – Syniuga hatte seit Gründung der Pentagon Möbelgalerie dort gemeinsam mit den Betreibern und weiteren Vertretern der damals neuen, innovativen Kunst- und Designrichtung ausgestellt, unter anderem auch bei der Eröffnungsausstellung „Herbstmanöver“ im September 1985.

Siegfried Syniuga arbeitet seit 1978 mit dem Musiker und Künstler Bernd Kastner (*1957) insbesondere auf dem Gebiet der Avantgarde- und Experimentalmusik zusammen. Sie gründeten 1979 die Formation „Strafe für Rebellion“ (später kurz STRAFE F.R.), mit der sie zahlreiche LPs und CDs veröffentlichten, die aktuellste 2014; daneben realisierten sie Bühnenperformances, Hörspiele und Filmprojekte. Aktuellstes Projekt war 2019 die Videoinstallation „You are welcome“ in der Ausstellung „d – polytop. Kunst aus Düsseldorf“ der Kunsthalle Düsseldorf. Zudem war Syniuga 1980 Gründungsmitglied der einflussreichen Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“.

Syniuga und Kastner gingen neben ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt jeweils eigene Wege im Bereich der Bildenden Kunst, Syniuga vornehmlich im Bereich Bildhauerei/Unikat-Möbel. Ab 1980 entstanden die ersten Stahlrohrbetten, ab 1982 auch selbst gebaute Musikinstrumente. Der Künstler erweiterte beständig seine Möbelentwürfe und entwickelte eine Reihe ungewöhnlicher Stuhlkonzepte, die seit 1984 in Galerien und Museen präsentiert wurden. In der Folgezeit erarbeitete er zwei grundsätzliche Sitzmöbeltypen, bei denen jeweils die Rückenlehnen verschiedenartig gestaltet sind: eine Gruppe mit plastisch ausgeformten Symbolen oder Buchstaben und eine Gruppe mit in Gießharz fixierten Fotoreproduktionen. Die Stühle selbst sind stets aus rohem Profilstahlrohr, das per Hand gelötet, geschnitten und gebogen ist. Die Objekte lassen jeweils einen hohen Assoziationsspielraum – insbesondere im politischen und gesellschaftlichen Kontext der 1980er Jahre. Platz nehmen kann man beispielsweise auf dem „Schiitischen Stuhl“ (1984) mit einem gepolsterten, roten Halbmond, auf dem Armlehnstuhl „Kreuzreiter“ (1985) – selbstverständlich mit einem großen, kreuzförmigen Lederpolster in Rot – oder dem thronartigen Sitz „Paulskirche“ (1986), der einen fast schon monumental wirkenden, dreizackigen Stern im Kreisrahmen trägt. 1986 kam es mit der Übernahme der AEG durch Daimler-Benz zum größten Unternehmenszusammenschluss der BRD. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Zu der Gruppe der Rückenlehnen mit Fotoreproduktionen zählen die Stuhlpaare „Einspruch (Böse Stühle)“ (1987), die zwei Pressefotos einer inhaftierten 34jährigen Frau mit chronischer Polyarthritis zeigen, das ungleiche Paar „Vaters Stolz“ und „Muttertag“ (1991), mit jeweils einer klischeehaften Aufnahme eines Elternteils im Familienmittelpunkt sowie die Untergruppe der „Künstlerstühle“. Dazu gehören 1987 als Paar jeweils Porträtaufnahmen der damals überraschend verstorbenen Stars der Kunstszene, Joseph Beuys (1921-1986) und Andy Warhol (1928-1987), sowie 1989 und 1991 gedoppelte und spiegelbildlich angelegte Porträts der Schauspiel- und Stilikone Brigitte Bardot (*1934).

Das Bildnis, das für die Bardot-Künstlerstühle von 1989 Pate stand, konnte identifiziert werden: Es handelt sich um ein um 1960 entstandenes, sogenanntes Stock-Foto („auf Lager“) der amerikanischen Silver Screen Collection, die sich auf Kinofilme und deren Leinwandstars spezialisiert hatte. Es zeigt die BB als Büste im Dreiviertelprofil. Sie trägt einen körperbetonten, hellen Pullover ohne Kragen, an einer zierlichen, goldenen Kette hängt ein ovales Medaillon. Ihre Haare sind zu einer ihrer Lieblingsfrisuren drapiert – einem kunstvoll zerzausten Beehive. Verführerisch geschminkt und mit Schmollmund blickt sie den Betrachter unverwandt an.

Brigitte Bardot gelang der internationale Durchbruch als Schauspielerin mit dem Film „und ewig lockt das Weib“. Als dieser 1957 zunächst in die amerikanischen Kinos kam, löste er hitzige Diskussionen aus, da Darstellungen zu sehen waren, die an die Grenzen dessen stießen, was damals als schicklich galt. Bis zum Ende ihrer Karriere 1973 führte die BB ein glamouröses und medial viel beachtetes Jet-Set-Leben. Sie gehörte zu den meist fotografierten Frauen der Welt.

 

*Quelle Foto: © DetlefSchumacher.com

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